HINTERLAND DIAGONALE 08.04.2022

Nach Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft kehrt der ehemalige Kriminalbeamte Peter Perg (Murathan Muslu) ins Wien der Zwischenkriegszeit zurück. Als eine brutale Mordserie die Stadt erschüttert, begibt er sich auf die Jagd nach dem Täter. Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzkys Thriller ist visuell und atmosphärisch von Motiven des expressionistischen Kinos inspiriert und fängt die Fragilität einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft ein. Der Erste Weltkrieg ist verloren, und die Kriegsheimkehrer kommen in eine Welt, in der nichts ist, wie es einmal war. Auch der ehemalige Kriminalbeamte Peter Perg kehrt nach sieben Jahren in russischer Gefangenschaft nach Wien zurück. Den Kaiser gibt es nicht mehr, die Hauptstadt der neuen Republik versinkt in der Bedeutungslosigkeit, und die einst umjubelten Soldaten werden im Obdachlosenheim einquartiert. Die Schrecken des vergangenen Krieges lasten schwer auf Perg, doch die ersehnte Heimat stellt sich als mindestens so gefährlicher Ort heraus. Ein brutaler Mord geschieht, es wird nicht der einzige bleiben. Als Perg erkennt, dass er zu allen Opfern eine persönliche Verbindung hat, macht er sich gemeinsam mit Kommissar Paul Severin und der Gerichtsmedizinerin Theresa Körner auf die Jagd nach dem Serienmörder. Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky schafft mit Hinterland einen außergewöhnlich bildgewaltigen Thriller, der visuell und atmosphärisch an die düstere Comicwelt aus Sin City erinnert, an die Babylon Berlin-Endzeitstimmung der 1920er-Jahre anknüpft und von Motiven des expressionistischen Kinos wie Das Cabinet des Dr. Caligari inspiriert ist. Der Film wurde mit Bluescreen-Technik gedreht, das Szenenbild entstand hauptsächlich am Computer. Die schief-schrägen Kadrierungen von Kameramann Benedict Neuenfels und die außergewöhnliche Lichtsetzung unterstreichen die Zerrissenheit der Hauptfigur und die Fragilität einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft. Die Zimmer, Gebäude, Gassen sind verzerrte Abbilder der Seelenlandschaft des Kriminalbeamten, der nachts von Albträumen heimgesucht wird, die für die Zuschauer*innen als Schattenspiel über seinem Bett sichtbar werden. In einer Welt voller toxischer Männlichkeit, in der sämtliche Werte und der Sinn des Lebens bedeutungslos geworden sind, muss sich der gebrochene Protagonist seinen eigenen Dämonen stellen. Hinterland ist ein makabrer und spannender Thriller, der eine Sogwirkung entfaltet und die Zuschauer*innen unaufhörlich durch das düster-deformierte Wien zwischen den Weltkriegen jagt. Der Film, der beim Locarno Film Festival 2021 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, punktet obendrein mit brillantem Cast: Murathan Muslu in der Hauptrolle des rastlosen, vom Krieg gezeichneten Kriminalisten, Liv Lisa Fries als emanzipierte Pathologin und Max von der Groeben als anfänglicher Gegenspieler und schließlich verbündeter Kommissar-Kollege. (Katalogtext, ast)